Freitag, 27. Januar 2023

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Gute Reise!

"Eine Dame lebt in Venedig, / die ist mit achtzig noch ledig. / Sie beklagt sich nicht, / sie lächelt und spricht: / „Vielleicht war das Schicksal mir gnädig.“

Die Limericks, die Sie an dieser Stelle immer lesen, stammen alle von Ole Haldrup. Sein „Buch der Limericks“ (2003), dazu „Lirum, Larum, Limerick“ (2004) und „Das Geheimnis der fünften Zeile" (2007) sind zu beziehen über: Nereus-Verlag, Susanne Happle, Johann-von-Werth-Straße 6, 79100 Freiburg, Telefon 0761-403802, nereus-verlag @gmx.de. (gk)

Den Wolken so nah

Ein Kaiser im Tiroler Regen / Die Alm, der See, die Sage, "Der Bergdoktor“ und ein Gipfelsturm

Von Günther Koch/Life-Magazin

Für einen Moment öffnet sich der Blick auf die Gipfel. Fotos: Koch

Scheffau – Diesmal über das oberbayerische Lenggries. Und durch den Isartal-Winkel. Wir haben „Autobahn meiden“ in die Routenführung der Navigation unseres Autos eingegeben, fahren über Landstraße nach Österreich hinein, kurz am Achensee vorbei, hinunter ins Inntal, über den Inn und weiter durch das zumindest zum Zeitpunkt unserer Reise baustellen- und staugeplagte Wörgl, biegen kurz vor Kufstein ab – ins Tiroler Kaiserreich zu Füßen des Wilden Kaisers.

Scheffau ist eines der vier Kaiserdörfer. Feuersalamander kreuzen die Wege.  

Da hilft nur Schmarrn

Es scheint, als hätte sich in diesen Tagen gegen Ende September ein Tief ausgerechnet in diesem Teil von Österreich für längere Zeit festgesetzt. Die Wolken, zum Greifen nah, hängen tief. Wabern dunkel-drohend um Berge herum und durch Täler. Geben nur hin wieder den Blick frei auf die in oberen Lagen teilweise sogar schon wieder schneebedeckten Gipfel. Und unten? Steht der Kaiser (fast) im Dauerregen! Obwohl: Schlechtes Wetter gibt es, zumal für Majestäten, bekanntlich nicht, nur Kleidung, die eben nicht dazu passt. Unsere tut‘s. Mit großartigem Wandern oder Radfahren wird es zum Auftakt unseres Aufenthalts diesmal wohl dennoch nichts wegen der ungemütlich-regenfeuchten Witterung. Dann schon lieber Cappuccino, Pflaumenkuchen mit Sahne und, natürlich, Kaiserschmarrn. Gäste im Scheffauer Gasthof Weberbauer, von dem aus man die Dorfstraße hinunter an Kaiserlodge und Hotel Kaiser vorbei schaut, dürften ähnlich denken.

Hier hatte die Hinterschießlingalm noch offen. In der Wallfahrtskapelle ... 

Das kann heiter werden

„Leicht wechselhaft“, sagt die Tiroler Tageszeitung zum Wetter voraus. Einen Mix aus Sonnenschein und dichteren Wolken. Dazu Regen. Regen. Regen. Am ehesten im Bergland. Wenigstens die Temperaturen änderten sich kaum. Die Höchstwerte blieben bei 15 Grad. Und die Aussichten? Versprechen kaum Besserung. Eine Kaltfront mit weiteren Niederschlägen soll folgen, die Schneefallgrenze sinken. Das kann ja heiter werden, im wahrsten Wortsinn vielleicht auch nur für Momente.

... in der Nähe des Hintersteiner Sees. „Bergdoktor“-Gasthof in Going, ...

Auf Schusters Rappen höher hinaus

Nächster Tag. Nächster Regen. Wir wandern trotzdem, entsprechend gekleidet, zur über 1000 Meter hoch gelegenen Hinterschießlingalm, auf der Besitzer Markus Niederacher normalerweise Angus-Rinder stehen hat. Kürzester Weg ist der vom Jägerwirt am Treffauer Hof vorbei, weiter auf schmalem Waldweg zur Fahrstraße zu den Schießlinghöfen und dann den Erschließungsweg hinauf zur Alm (Dauer 45 Minuten/Höhenmeter 120). Etwas anstrengender dürfte die Route von der Kirche durch den Rehgraben Richtung Schließlinghöfen und weiter auf der Almstraße sein (Dauer 60 Minuten/Höhenmeter 135). Von der Alm selbst zweigt der Wilder-Kaiser-Rundwanderweg (Dauer 150 Minuten/Höhenmeter 375) ab.

... der den Namen „Wilder Kaiser“ trägt, mit der Pfarrkirche gleich daneben.  

Feuersalamander und Angus-Rinder

Manchmal führen Wegbeschreibungen sogar über von Feuersalamandern gekreuzte Waldpfade oder über abgeweidete Wiesen. Ohne Kühe zwar, aber – Vorsicht! – mit Unmengen von Kuhfladen! Spätestens bei einer Jause mit speziellem Angus-Schinken und spezieller Angus-Salami müsste der wacklige Slalom zwischen den tierischen Hinterlassenschaften jedoch vergessen sein. Den einsamen Kaninchen hinterm Zaun fehlen an diesem Tag wohl die Streicheleinheiten der Kinder. Auch die Alpakas sind heute hier oben in ihrem Gehege nicht zu sehen. Weil dienstags geschlossen ist.

So sieht es im Inneren des Gotteshauses mit dem kirchlichen Auge aus.

Mit Schirm, Charme, aber ohne Melone

Es regnet immer heftiger. Mit Schirm, Charme, aber ohne Melone wandern wir zum Hintersteiner Gebirgssee hinüber. Einem Überbleibsel der letzten Eiszeit. Mit türkisgrünem bis tiefblauem Wasser. Gut 880 Meter hoch gelegenen. 1,4 Kilometer lang. 600 Meter breit. Im Schnitt 13, maximal 35 Meter tief. Dessen Geschichte uns schon das erste Mal, als wir in der Region gewesen sind, interessiert hat. Wegen dieser Sage:

Darsteller-Aufsteller in Ellmau. Bei klarer Sicht sieht die Bergwelt prächtig aus.

Als plötzlich der Boden wankt und sie in die Tiefe sinken

Darin geht es um übermütige, reiche Bauern, die da, wo heute statt einer saftigen Weide der See liegt, mit Butterknollen kegeln. Es ist eine mondhelle Nacht. Die Bauern spielen wieder – als plötzlich der Boden unter ihren Füßen wankt und sie samt Haus und Hof in die Tiefe sinken. Die Bauern werden für ihren Frevel auf die Scheffauer Spitze verbannt, müssen dort in einem kleinen Felskessel zur Strafe Kegel schieben, solange der Kaiser steht. Der Erzählung nach streiten und raufen die Bauern selbst am hohen Feiertag Fronleichnam heftig um eine Quelle. Tags darauf geht ihre Sennerin früh zum Melken auf die Weide, sieht eine kleine Wasserlache, wo bislang nie eine gewesen ist, geht weiter auf der Suche nach den Kühen, die zu ihrer Verwunderung in einer Senke dicht beieinander liegen. Sie melkt sie rasch, um bald wieder zurück auf den Hof zu kommen – und sieht vom oberen Rand der Vertiefung nur noch das Dach eines einzelnen Hauses aus dem Wasser ragen ...

Übersicht über die Region mit dem Kaiser und seiner Welt auf dem Brandstadl.

Wo sind denn hier die Drehorte zu finden?

Soweit die Sage über die Entstehung des Sees. Auch die vier Kaiserdörfer – Söll, Scheffau, Ellmau, Going – haben ihre Geschichte. Zu zwei von ihnen, Ellmau und Going, brechen wir am nächsten Tag auf. Klar, dass uns auch diesmal wieder genauso regengraue wie tropfnasse Wolken begleiten. Im Kaiserjet, der zwischen den vier Orten pendelt, spricht eine Frau den Busfahrer an, fragt, wo sie denn hier die Drehorte für die ZDF-Serie „Der Bergdoktor“ finden könne, in der Hans Sigl die Hauptrolle des in seine Heimat Tirol zurückgekehrten Arztes Dr. Martin Gruber spielt.

Die Orientierung stimmt. Logenplatz im Liegestuhl über dem Wolkennebel.

Vom Gruberhof bis hin zur Litzlalm

Der Fahrer schmunzelt. Denn wahrscheinlich muss er immer wieder auf Fragen wie diese antworten: Dass es sich beim Gruberhof um den Bauernhof Köpfing in Söll handelt. Dass sich die „Bergdoktor“-Praxis im Hof Hinterschnabel in Ellmau befindet. Dass auf dem Dorfplatz in Going Johann Gschwendtners schmuckes Bauernhaus neben der Kirche zum Film-Gasthof „Wilder Kaiser“ umfunktioniert worden ist, es bei den Drehs dort rundgeht, aber lediglich die Außenaufnahmen dort stattfinden, die innen dagegen im Restaurant Föhrenhof im Ellmauer Ortsteil Auwald. Und schließlich, dass Teile der elften Staffel gar nicht in Tirol, sondern auf der Litzlalm im Pinzgau im Bundesland Salzburg entstanden sind. Dem Vernehmen nach oft bei Sonne und eigentlich gar nicht so viel Regen ...

Einfaches Gipfelkreuz für die Kriegsheimkehrer. Zum Innehalten in der Natur.

Abenteuer in majestätischer Kulisse

Eine Chance geben wir dem Wetter noch. Auf zum Gipfelsturm! Von der Talstation in Scheffau, wörtlich übersetzt „schiefe Au“, führt die Gondelbahn auf den Brandstadl in 1650 Metern Höhe. Mit 27 Euro pro Person für einmal hoch und einmal runter lassen sich die Betreiber das allerdings auch ziemlich teuer bezahlen. Oben soll sich aber eine schöne Aussicht auf die Bergkette des Wilden Kaisers bieten – die wir jedoch größtenteils nur erahnen können, weil die Wolken auch hier leider nicht mitspielen, ganz im Gegenteil das imposante Bergmassiv in großen Teilen verdecken und wir Glück haben, wenigstens ab und zu hinunter ins Tal und hinüber nach Scheffau schauen zu können. Die Bergstation ist Ausgangspunkt für Wanderer, Gipfeltourer und Mountainbiker. Zwischen ihr und dem Bergrestaurant lockt die Kaiserwelt vor allem Kinder zu Abenteuern inmitten kaiserlicher Tiroler Naturkulisse.

Auf der Bergstation des Brandstadls. Ohne Schneekanonen geht es wohl nicht.

Auflockerungen sollen möglich sein

Letzter Tag vor der Abreise. „Wechselhaft“, steht in der Tiroler Tageszeitung noch immer über das weitgehend vom Tiefdruckgebiet bestimmte Wetter, das kühle und feuchtere Luft zu den Alpen schickt. Dichte Wolkenfelder ziehen demnach auf und, klar, im Tagesverlauf auch Regenschauer. Die Temperaturen sind bescheiden. Die Schneefallgrenze liegt bei 2000 Metern. Es mischen immer wieder Schlechtwetter-Fronten mit. Aber auch Auflockerungen sollen möglich sein. Immerhin. „Autobahn meiden“ ist in der Navigation nach wie vor eingegeben. Als Zwischenziel, dann schon wieder in Deutschland, geben wir Fischbachau nahe Miesbach ein. Sonderziel Winklstüberl. Auf einen Kaffee. Und Streuselkuchen.

Info Wilder Kaiser I

Beim Wilden Kaiser in Österreich handelt es sich um einen markanten, etwa 15 Kilometer langen Gebirgsstock im Nordosten von Tirol im Naturraum zwischen Kufstein und Sankt Johann. Höchste Erhebung ist die Ellmauer Halt mit 2344 Metern. Einige der etwa 40 weiteren Gipfel von der Karlsspitze über Predigtstuhl bis hin zum Kopfkraxen sind bekannte Kletterberge. Direkt an der Loferer Straße von Wörgl über Sankt Johann weiter Richtung Salzburg, die mit als eine der meistbefahrenen im Land gilt, liegen die vier Kaiserdörfer Söll (3630 Einwohner), Scheffau (1450 Einwohner), Ellmau (2830 Einwohner) und Going (1850 Einwohner). Die Urlaubsregion ist touristisch stark vermarktet, wobei der Schwerpunkt auf Sommer, noch immer aber etwas mehr auf Winterurlaub liegt, so dass sich für eine Reise dorthin als etwas ruhigere Jahreszeiten ebenfalls Frühling oder Herbst empfehlen. Verschiedenste Aktivitäten sind möglich. Es gibt neben der Kaiserwelt in Scheffau noch andere Bergerlebniswelten wie das feucht-fröhliche Hexenwasser in Söll oder die Zauberwelt in Ellmau; sie alle sind gut zu Fuß oder per Seilbahn zu erreichen.

Info Wilder Kaiser II

Klimatisch geht es in der Region mit warmen Sommern und niederschlagsreichen Wintern eher kontinental-gemäßigt zu; in kühleren Jahreszeiten nehmen die Verhältnisse in höheren Lagen auch alpineren Charakter an. Wir waren in Scheffau im All-Inclusive-Hotel Kaiser (vier Sterne, 62 Zimmer/Studios, www.hotelkaiser.at) untergebracht. Auch das ebenfalls gebäudemäßig damit verbundene Appartement-Schwesterhotel Kaiserlodge (Vier-Sterne-Superior-Niveau, 17 Doppelzimmer/Suiten, 4 Penthouses, 44 Appartements, 14 davon mit Zugang zum eigens angelegten Natursee, www.kaiserlodge.at) können wir empfehlen. Die Tiroler Küche ist eine eher bodenständig-herzhafte, reicht etwa von Speck, Knödel und Gröstl aus Kartoffeln, Fleisch und Zwiebeln über Marende-Brettljause und Kiachl-Hefeteigfladen mit Sauerkraut oder Marmelade bis hin, selbstverständlich, zum Kaiserschmarrn. Österreich ist Weinland, auch wenn Tirol ein Bundesland ist, in dem Reben, abgesehen von einzelnen Versuchen, kaum gedeihen. Zur Einkehr in der Kaiserregion bietet sich unter anderem die Hinterschießlingalm (Gaisberg 33, A-6351 Scheffau, Telefon 0043-(0)-677-64181885) an. Information: Tourismusverband Wilder Kaiser, Dorf 35, A-6352 Ellmau, Telefon 0043-(0)-50509, www.wilderkaiser.info.    

Service Auto

Wer mit dem eigenen Wagen anreisen will: Von München aus sind es über die Autobahn A8 Richtung Salzburg bis zum Inntal-Dreieck und dann weiter auf der A93  über Kufstein bis zur Region am Wilden Kaiser noch etwa 110 Kilometer, für die man knapp anderthalb Stunden einplanen sollte. Landschaftlich schöner wäre es, am Tegernsee oder Schliersee vorbei, durch Fischbachau, Bayerischzell, Oberaudorf oder Kiefersfelden zu fahren, was etwas länger dauert. Kufstein, Wörgl, Kitzbühel und Sankt Johann sind Bahnstationen. Die nächsten Flughäfen in Innsbruck, Salzburg und München liegen über 80 beziehungsweise gut 140 Kilometer entfernt. In Österreich besteht Vignettenpflicht. In Orten darf 50, außerhalb 100, auf Autobahnen Tempo 130 gefahren werden. Die Promillegrenze liegt bei 0,5.

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KoCom/Fotos: Günther Koch

3. November 2022