Sonntag, 21. April 2024

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Gute Reise!

"Eine Dame lebt in Venedig, / die ist mit achtzig noch ledig. / Sie beklagt sich nicht, / sie lächelt und spricht: / „Vielleicht war das Schicksal mir gnädig.“

Die Limericks, die Sie an dieser Stelle immer lesen, stammen alle von Ole Haldrup. Sein „Buch der Limericks“ (2003), dazu „Lirum, Larum, Limerick“ (2004) und „Das Geheimnis der fünften Zeile" (2007) sind zu beziehen über: Nereus-Verlag, Susanne Happle, Johann-von-Werth-Straße 6, 79100 Freiburg, Telefon 0761-403802, nereus-verlag @gmx.de. (gk)

Portugiesisches Kleinod

Ericeira am tosenden Atlantik hat aber auch schon manuelinische Geschichte geschrieben

Schmucke Hausfassade im alten Ortskern von Ericeira. Fotos: Koch

Ericeira – Eine Reise nach Portugal muss nicht immer nur Faro oder Albufeira an der Algarve zum Ziel haben, die Hauptstadt Lissabon an der Mündung des Tejo in den Atlantik, so morbide-schön sie auch ist, oder Coimbra, Porto oder Braga im grünen Norden des Landes. Es könnte doch vielleicht auch einmal ein auf den ersten Blick möglicherweise sogar etwas unscheinbarerer Ort sein. Ericeira zum Beispiel.

Im Westen nur noch die große Weite

Wie oft sind wir hier schon durchgefahren! Mal von Süden kommend aus Richtung Cascais und Sintra, mal von Osten aus dem Landesinneren aus Richtung Mafra, mal von Norden die Küste entlang aus Richtung Peniche. Von Westen her dürfte es freilich schwieriger sein, denn da kommt bloß noch Wasser, die große Weite des Ozeans, das Meer.

Oben eher ausdruckslos

Immer wieder haben wir nur diese eine Straße oben benutzt, an der links und rechts ausdruckslose Wohn- und Geschäftsgebäude stehen, Apartment-Siedlungen, genauso beliebig wie austauschbar. Nie sind wir zum kleinen Hafen hinunter abgebogen, weil wir gar nicht wussten, dass es ihn da überhaupt gibt. Und der obere Teil des Ortes hat eben lediglich stets dazu animiert, nach dem Rein- auch gleich wieder rauszufahren.

 

Unten richtig malerisch

Doch wer hier den Blinker setzt, kann womöglich einen Hauch des früheren, des eigentlichen Ericeira entdecken. Er merkt es daran, wenn die Straßen zu Gassen und immer enger werden, für größere Autos am Ende sogar bedrohlich eng. Wenn schmucke Fassaden und kleine Stehbalkone mit schmiedeeisernen Gittern davor die liebevoll weiß und blau gestrichenen Häuser zieren. Wenn sich wie aus dem Nichts auf einmal malerische Plätze auftun, auf denen man einen Moment bleiben möchte. Wenn dieser typische Geruch des Meeres in der salzhaltigen Luft liegt. Wenn sich die gischtschäumenden Wellen draußen an den großen Steinwällen brechen, um dann langsam am Strand auszulaufen.

Wie Perlen an einer Kette

Es ist November. Die Sonne scheint. Die Temperaturen übersteigen so schon noch frühlingshafte 15 Grad. Vor der kleinen Café-Bar „Tasquinha do Joy“ genießen einige Gäste die Wärme, andere lehnen an der Mauer gegenüber, schauen nach unten, wo sie im Hafen die bunten Fischerboote liegen sehen, aufgereiht wie Perlen an einer Kette.

Im Esplanada Furnas

Auch im Restaurant Esplanada Furnas in der Rua Capitao Joao Lopes geht es jetzt um diese Jahreszeit, zumal nach Mittag, eher beschaulich zu. Die meisten Fische in einer Art Schauküche gleich am Eingang des Lokals sind weg. Die Langusten im Aquarium nebenan dürfen sich wohl noch etwas länger ihres Lebens freuen. Im Restaurant selbst sind bloß ein paar Tische besetzt. Auf der hölzernen Freiterrasse blinzeln Besucher, die – klar – „auf Durchreise“ sind, in die Sonne, genießen den eindrucksvollen Blick die von fjord-ähnlichen Einbuchtungen und Felszungen geprägte Steilküste entlang und auf das Meer hinaus.

Hafen brachte die Blüte

Über die Vergangenheit Ericeiras scheint eine junge Frau aus Lissabon, die Geschichte studiert und die wir im Esplanada Furnas treffen, ganz gut informiert. „Es heißt“, erzählt sie, „schon die Phönizier hätten hier Handel getrieben.“ Aus der zunächst kleinen Ansiedlung sei schließlich „mit allen formalen Rechten“ eine Stadt geworden, deren Blüte im 19. Jahrhundert kam. Nachzulesen ist, dass der Hafen damals jedenfalls nach Lissabon, Porto und Setubal der viertgrößte des Landes und der einst so mächtigen Seefahrernation ist. Die Zollbehörde in Ericeira soll zuständig für die gesamte Küste von Cascais im Süden bis Figueira da Foz im Norden gewesen sein.

Monarch floh über den Ort ins Exil

Von aristokratischen Familien wird berichtet, die hier ihren Sitz nehmen, ehe der Hafen nach und nach an Bedeutung verliert und zuletzt nur noch Sardinen-Fangflotten von Ericeira aus raus aufs Meer fahren. Aus entsprechenden historischen Quellen geht hervor, dass die Revolution und Ausrufung der Republik Anfang Oktober 1910 Manuel II. in seinem Jagdschloss im nahen Mafra überrascht – und der Monarch in einer „dramatischen Flucht“ eben über Ericeira ins Exil fliehen kann. „Da sehen Sie“, sagt die Studentin, „dass auch ein vermeintlich kleiner Ort durchaus Geschichte schreiben kann.“

Durch die verwinkleten Gassen

Wir bummeln durch die verwinkelten Gassen. Im alten Ortskern finden sich verschiedene Kapellen, die ebenfalls schon einige Jahrunderte auf dem Buckel haben dürften. In der Kirche Igreja Paroquial de Sao Pedro etwa, deren Ursprungsbau aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt, sind neben barocken Petrus- und Johannes-Figuren, neben kunstvollen Altaraufsätzen und vergoldetem Talha-Dourada-Schnitzwerk auch die für Portugal so typischen Azulejos zu bewundern, Keramikfliesen, die schon am Alten Orient als Wanderverkleidung verwendet worden sind.

Paradies für Wellenreiter

Von Ericeira ist es nicht weit bis zum westlichsten europäischen Festlandspunkt, dem südlich gelegenen Cabo da Roca. Dass an der Küste von dort bis zum nördlichen Cabo Carvoeiro bei Peniche häufiger stärkere Winde wehen, die für hohen Wellengang sorgen, hat dazu geführt, dass Strände wie die Praia de Ribeira d’Ilhas bei Ericeira inzwischen zum Paradies für Wellenreiter geworden sind. 2011 ist der Ort den Angaben zufolge sogar zum ersten „Surfreservat Europas“ erklärt worden. Vorher gab es weltweit nur zwei andere dieser Art, das eine – Malibu/Santa Cruz – in Kalifornien, das andere – Manly Beach – in Australien. Es lohnt sich ganz offensichtlich, auch bei Reisen in Portugal einmal öfter den Blinker zu setzen.

Info Ericeira I

Ericeira zählt im Ort selbst rund 4500, samt Umgebung rund 10 000 Einwohner, liegt an der mittelportugiesischen Atlantikküste. Der nächstgrößere, bekanntere Ort ist Mafra. Mit dem Flieger reist man am besten über das südwestlich etwa 50 Kilometer entfernte Lissabon an; der Flug dorthin – der Zeitunterschied beträgt minus eine Stunde – dauert von Deutschland aus rund drei Stunden. Statt über die Autobahn sollte man über Cascais die Küste entlang nach Ericeira fahren. Das Klima ist gemäßigt, die Winter sind mild, die Sommer nicht zu heiß.

Info Ericeira II

Wir waren diesmal in Cascais in der „Pousada de Cascais“ (fünf Sterne, 126 Zimmer/Suiten, einst eine alte Festung, www.pousadas.pt) untergebracht. Als Restaurant empfehlen können wir das für seine Fischgerichte bekannte Furnas (www.restaurantefurnasericeira.com) in Ericeira. Kulinarische Spezialität ist der Stockfisch Bacalhau als eine Art Nationalgericht; dazu passt gut frischer Vinho Verde, heimisches Bier, danach Bica-Kaffee, Bagaco-Trester oder Aguardente-Branntwein. Information: Turismo de Portugal, Zimmerstraße 56, 10117 Berlin, Telefon 030-2541060, www.visitportugal.com.

Service Auto

Es zieht sich, wenn man mit dem Auto bis nach Portugal fahren will. Zwei Tage mit Übernachtung unterwegs sollte man für An- und Abreise sicherheitshalber doch schon einplanen. Von Kehl an der deutsch-französischen Grenze sind es über Bilbao bis nach Lissabon rund 2150 Kilometer, von München aus noch einmal rund 300 Kilometer mehr. Die Höchstgeschwindigkeit für Pkw auf Autobahnen beträgt 120 (für Wohnmobile über 3,5 Tonnen 110, für Gespanne 100). Außerorts darf man bis Tempo 90/100 schnell fahren (Wohnmobile 80/90, Gespanne 70/80). Innerorts gilt für alle 50. Die Promillegrenze liegt bei 0,5.

auto.de/Günther Koch/KoCom/Fotos: Koch

22. November 2014